Das Einpflanzen des Garten Eden
Die Leere ist Erinnerung an etwas,
was sein könnte oder der Wunsch ihrer Erfüllung.
Das Vorhandensein einer Abwesenheit,
bunt und breit.
Das Nichts ist düster, von der Größe her ungewiß,
eine Einladung, es zu bewohnen.
Die Null ist die Mitte der Waage,
der Minus- und Plus-Räume.
Ein Anfang, der immer da war,
und ein Ende, nur falls es akzeptiert wird.
Das Kind legt einen Kirschkern
zu jeder Rose, legt die ganze Kirsche
zu der Rosenbeere mit den Samen -
dann gießt es sie.
Wie schön ist dieser Kupferbehälter
zum Füllen,
und auch diese Luft, und diese Erde
in den Comenius-Gärten.
Eine Hand voll Wasser
Wir wandern in der Sprache, wir wandern,
и не земя, вода на длан ни е нужна,
denn wir haben gelernt, durstig zu sein.
Vom Wasser haben wir’s gelernt, vom Wasser.
Das hat nicht Ruh bei Tag und Nacht,
ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.
Die Sprache ist wie Wasser.
Beim Halten verliert man sie,
im Fließen hat sie Bestand,
schenkt eher Leben als Ertrinken,
wäscht keine Flecken aus,
ist der erste Grund, dass alles keimen kann.
Тръгнала Румяна за вода студена, леле,
тръгнала Румяна за вода студена.
Живата вода търсила, леле, живата.
Wasser wollte die junge Frau holen, Wasser,
kalt sollte es sein, lebendig, das Wasser.
Entgegen kommt ihr ein junger Mann, will
von ihren Krügen trinken, ihr Liebe schwören.
Man braucht keine Krüge, sagt sie ihm,
um Wasser zu trinken.
Das Wasser ist wie die Sprache.
Nimm keine Kelle, keinen Becher.
Nimm keine Handvoll.
Trinke direkt von der Quelle.
И я остави на мира, водата,
и го остави на мира, езика,
und lass mich endlich,
Worte und Grammatik schreiben,
wie ich empfinde.
Und
lasst es in Frieden weiterziehen,
das Wasser,
und lasst sie in Frieden weiterziehen und wandern,
die Sprache,
und lasst mich in Frieden
weiter
ziehen,
lasst mich in Frieden weiterziehen,
in Frieden weiterziehen und wandern.
Konzert
Wasser. Atem holen. Kann nicht geholt werden.
Hauch, Wellen, Violine.
Klänge. Können nicht getrunken und geatmet werden.
Kleben im Haar. Tiefe Männerstimme.
Provokation, die Erinnerung an die Bretagne,
wo ich nie war.
Tropfen auf den Schultern zweier Frauen, Wasser,
ihre Haut, Babyhaut, Greisinnenhaut,
weibliche Haut. Du solltest in mir sein.
Die Sehnsucht nach der Küste der Bretagne,
wo sie diese Musik schrieb, der Sand und du in mir,
deine Lieder in meinem Haar, fließt in die Augen über,
Klänge wie die der Mutter, der Großmutter, Sehnsucht –
eine banale Verflechtung aus Geige und Gewebtem,
ein Webstuhl aus Saiten, schwebt über dem Wasser der Bretagne,
dort, auf der Grenze zwischen Wasser und Nebel,
ist jeder Zufall ausgeschlossen. Wie damals,
als ich dort war – ein Kind mit einer Violine,
ich konnte spielen und malen.
Deine Augen waren voller Klänge.
Sie spielt Violine, und ich erinnere mich
an die Bretagne, wo ich nie war.
Ihr Kleid ist weiß und silbern.
Die Menschen klatschen.
Bewusst
Sie hat kein Haus, schwimmt überall im Ozean,
hat zwanzigtausend, die ihr genügen,
sie kennt den Schmerz und ihre eigenen Grenzen,
ist frei zu bewohnen und zu durchwandern,
sie liest das Meer und gebiert es neu,
ihre Nervenzellen reichen ihr zu erkennen.
Aplysia ist ein bewusstes Wesen.

Eine Hand voll Wasser
Die Sprache ist wie Wasser.
Beim Halten verliert man sie,
im Fließen hat sie Bestand.
deutsche Gedichte
26. Lyrikband der Zeitzeichen-Reihe
herausgegeben von Paul Alfred Kleinert
Aschersleben: Unartig Verlag, 2008
Mit einem Autorenporträt von Lothar Deus
Gedichte aus diesem Band inspirierten die Graffiti-Aktion Taufe von Atem, Gedichte aus der Spraydose Wettbewerb in Berlin im Juli 2008 und das kammermusikalische Stück Waldquelle von Wladimir Iliew, Konzert im Wassertum Halle, Oktober 2008
Landschaften, Ufer
Am Meer in Heiligendamm
im Juni, das Wasser, riesig,
silbern, schluckt Haut und
spuckt nackte Menschen aus.
Zwischen den Seen, nördlich davon,
gibt sich die Sonne von alleine hin,
wie nur der Süden sich hingeben kann,
erstaunt dunkeln die Birken.
Am Fluss, östlich,
im Feigenherz reifen Perlen
bernsteinfarbenes Abfinden,
und der Kiesel erstrahlt.
Von der Hoffnung
(dieses schmutzige Wort),
hier, zwischen
den Zäunen und den Ufern.
Juni 2007
Der alte Mann, das Meer, die Frau
2.
Andere Worte bewohnen die anderen Meere.
Und die Boote, die ein Zuhause sein können,
die Zeitungen im Bett.
Und diese Geschichte ist weder die andere Geschichte
noch ist sie
weniger geschehen
oder jemandem weniger
zugehörig.






